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Stimmspreizung mit und ohne Software Im Zeitalter der Softwareinstrumente, Digitalpianos, Stimmgeräte und entsprechender Software ist das Hintergrundwissen über die hohe Kunst des Klavierstimmens nicht nur für Klavierstimmer selber relevant. Jeder Keyboarder, der auch das akustische Piano in digitaler Form bedient, sollte ein wenig darüber Bescheid wissen. Besonders gilt das natürlich für Pianisten mit einem „richtigen“ Flügel oder Klavier, die zum Klavierstimmen nicht immer einen angemessen gut bezahlten und gleichzeitig immer seltener werdenden Experten engagieren wollen/können. „Normale“ Klavierstimmer arbeiten nicht selten mit einem herkömmlichen Stimmgerät und kommen damit der viel besser klingenden Stimmung nach Gehör lange nicht so nahe, wie man es mit dem unten stehenden Hintergrundwissen und entsprechenden Hilfsmitteln sogar selber könnte.
Beim herkömmlichen Stimmgerät, bei dem wir eine gleichmäßige wohltemperierte Stimmung voraussetzen, werden die Töne in Oktaven genau rein, also entsprechend der genauen mathematischen Teilung der Schwingung zueinander gestimmt. Das muss auch so sein, sofern es kein spezielles, für das Klavierstimmen vorgesehenes Gerät ist. Denn die reine Stimmung der Oktaven entspricht der korrekten Stimmung z. B. einer Orgel, eines Synthesizers oder jedes Instruments, dessen Klangerzeugung nicht auf unterschiedlich langen Saiten beruht. Beim traditionellen Klavierstimmen nach Gehör braucht es keine genaue Analyse der Abweichungen, sondern die Ohren des Klavierstimmers gehen in angemessener Weise auf die Inharmonizität ein, indem die jeweilige Oktave intuitiv so gestimmt wird, dass sie am besten auch zu den Partialtönen der darunter liegenden Oktaven klingen. Während ein Laie ohne langjährige Erfahrung kaum eine Chance hat, das ohne Hilfsmittel auch nur annähernd in den Griff zu bekommen, wird der erfahrene Klavierstimmer auch sein subjektives Empfinden ins Spiel bringen. Hinzu kommen Raffinessen und Feinheiten in der hohen Kunst des Klavierstimmens, die mit der Stimmspreizung wiederum schwer in Einklang zu bringen sind und deren Einsatz sehr viel Erfahrung und Geschmack erfordern. So gibt es z. B. die Methode, in der Mittellage den Oktavabstand (extrem geringfügig!) zu klein („unterschwebend“) zu stimmen. Die dabei angestrebten Schwebungen liegen in Größenordnungen von 0,02 bis 0,05 Hz, also pro Minute 1 bis 2 Schwebungs-Durchläufe. Das ungeübte Ohr wird diese Oktave trotzdem als völlig rein wahrnehmen, und gleichzeitig hilft diese Methode dabei, der geringfügig zu tiefen Stimmung der Quinten entgegenzukommen, die wiederum die Voraussetzung für eine wohltemperierte Stimmung ist. Ohne technische Hilfsmittel ist das Klavierstimmen nach Gehör eine Kunst, die nicht nur hohes handwerkliches Können und langjährige Erfahrung voraussetzt, sondern mit der ein Klavierstimmer bis zu einem gewissen Grade auch seine eigene „Handschrift“ entwickeln kann. Die meisten (wenn nicht gar alle) aktuellen Digitalpianos sind bei ihren Piano-Klangfarben mit einer Stimmspreizung versehen, während deren Orgel- oder Rhodes-Presets im Gegensatz dazu rein gestimmt sind. Das entspricht der Realität und sollte eigentlich bei Software-Instrumenten gleichermaßen differenziert der Fall sein. Leider ist das keine Selbstverständlichkeit. Zum Beispiel bei dem ansonsten sehr gut klingenden und in manchen Details sehr liebevoll programmierten AKOUSTIK PIANO von Native Instruments ist dieser Aspekt leider (bisher) unter den Tisch gefallen, obwohl hier verschiedene „exotische“ Tunings eingestellt werden können. Vielleicht wird das in einem Update noch korrigiert … Da die Inharmonizität eines Instruments (und damit die Stimmspreizung) individuell verschieden ist, je nach verwendeten Saiten und deren Länge sowie abhängig z. B. von der Größe eines Flügels und sonstigen baulichen Unterschieden, ist es auch kaum praktikabel, in ein „in Hardware gegossenes“ Stimmgerät ein allgemeingültiges Stimmspreizungs-Feature einzuprogrammieren. Es bedarf also eines Systems, mit dem die Inharmonizität des individuellen Instruments zunächst gemessen werden kann und mit dem man dann ein spezielles Profil erhält, auf dessen Basis das Ganze als individuell angepasstes Stimmgerät funktioniert.
Dort gibt es auch eine voll funktionsfähige Trial-Version (s. Abb.) und ein Handbuch (in Englisch) zum Download. Ein wichtiger Aspekt einer solchen Software-Lösung ist auch die Möglichkeit, zu allen gemessenen Daten Abweichungen nach eigenem Geschmack einzustellen und dann beliebig viele Tuning-Profile abzuspeichern. Das Stimmen selbst, vorausgesetzt man verfügt über das richtige Werkzeug (Stimmschlüssel, Filz- oder auch Gummikeile zum Muten von Saiten etc.), ist dann nur noch eine Frage der nervlichen Kondition und dürfte sogar von einem vollständig Gehörlosen perfekt zu realisieren sein. Aber auch für den versierten Klavierstimmer dürfte das Tool eine starke Entlastung darstellen, da grundlegende und wiederkehrende Arbeitsgänge deutlich weniger Konzentration erfordern. Detailliertere bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie im Handbuch zur o. g. TuneLab-Software. Weitere Links zum Thema:
© 2008 by Wolfgang Fiedler |




