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Improvisation Trainer – die App im Test

erhältlich im App Store

Preis: 5,49 €

Inhalt

Die Autoren

Christian Tschuggnall (Jahrgang 1988) – mehrfach preisgekrönter Komponist/Arrangeur, Studio- und Live-Drummer sowie Bandleader (u. a. der 2014 für den Deutschen Jazz-Preis nominierten Band SNOOZE-ON – siehe www.snooze-on.com) – ist federführend bei der Entwicklung des musikalisch-didaktischen Konzepts des Improvisation Trainer. Aus Österreich (Tirol) stammend lebt er z. Zt. in Berlin und gehört zu den meist-gebuchten Drummern live und im Studio. Zu den Stationen seiner Ausbildung gehört u. a. ein Studium an der Popakademie Mannheim und als Multi-Instrumentalist schloss er z. B. Master-Studiengänge an  der UdK in Jazz-Komposition und Jazz-Schlagzeug mit Auszeichnung ab. Mehr zu seiner Biographie siehe hier.

Michael Tschuggnall (Jahrgang 1982) kann ebenfalls auf eine erfolgreiche Karriere als Musiker und Komponist zurückblicken, die er mit etlichen eigenen Produktionen und darunter einigen Chart-Erfolgen in seinem Heimatland Österreich belegen kann. Nach einem Informatik-Studium an der Universität Innsbruck ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informatik tätig und hat sich u. a. als Programmierer von Apps unter seinem Label AppicDesign profiliert. In enger Teamarbeit mit seinem Bruder Christian zeichnet er vor allem für die programmiertechnische Umsetzung des Konzepts für den Improvisation Trainer verantwortlich. Mehr zur Person Michael Tschuggnall siehe hier.

Improvisationstraining mit Play-alongs

Der Name Jamey Aebersold steht für die Einführung eines innovativen Systems beim Trainieren von Improvisationen über typische oder komplexe harmonische Verbindungen im Jazz in der „Neo-Bebop“-Ära der 1970er und 1980er Jahre. Seinerzeit bestand dieses System aus Notenausgaben mit Skalendarstellungen und Akkordschemata in Verbindung mit Tonträgern, auf denen eine professionelle Rhythmusgruppe das in den Noten Dargestellte als Begleitung für fiktive Solisten eingespielt hatte. Dabei konnte man über den Panorama-Regler den rechten oder linken Stereo-Kanal ausblenden und damit erreichen, dass man z. B. nur Drums und Bass hört, um den Piano-Part dazu zu spielen, oder dass in umgekehrter Richtung für einen übenden Bassisten nur Piano und Drums erklingen. 

Inzwischen sind „play-alongs“ oder auch „backing tracks“ in allen möglichen Stilrichtungen und für alle möglichen Instrumente in den verschiedensten Formen allgegenwärtig – oft, wie schon bei Aebersold, als Begleitmaterial zu Notenausgaben (bzw. zu Lehrbüchern) oder in Form von Videos (YouTube), in denen die Akkordsymbole synchron zum Play-along-Soundtrack im Video dargestellt werden. Abgesehen von der sehr unterschiedlichen Qualität solcher Play-alongs sind sie naturgemäß vorgefertigt – also per Sequenzer oder von Musikern als Soundtracks oder Audiodateien produziert und als solche unveränderlich. Das hat Vor- und Nachteile. Besonders wenn sie – wie in vielen Fällen – von professionellen Musikern eingespielt und anspruchsvoll produziert sind, kann man sich damit als Mitspieler in einer Band fühlen. Solche Tracks sind dann aber auf ihre Tonart, die Akkordwechsel, ihr Tempo etc. festgelegt, wodurch man im Interesse eines Trainings in unterschiedlichen Tonarten und Tempi möglichst viele Varianten eines Tracks mit einer bestimmten Akkordfolge braucht. Und wenn es um das Ein- und Ausblenden von Begleitinstrumenten geht, funktioniert das bestenfalls wieder nur über die beiden Stereo-Kanäle. Diese werden zuweilen auch dazu genutzt, auf einem der Kanäle eine Beispiel-Improvisation hören und bei Bedarf wegblenden zu können. Das macht besonders dann Sinn, wenn solche Play-alongs z. B. in Lehrbüchern für Instrumentalunterricht speziell für dieses Instrument und für das im Buch behandelte Lernziel vorgesehen sind.
Vorgefertigte Play-alongs auf Tonträgern, als MP3s oder als YouTube-Videos haben prinzipiell auch den Vorteil, dass die technischen Voraussetzungen für ihre Wiedergabe nahezu überall vorhanden sind.

Play-along-App

Im Gegensatz dazu kann eine App nur auf den Plattformen genutzt werden, für die sie programmiert ist – im Falle des Improvisation Trainer sind das z. Zt. iPad, iPhone oder iPod Touch mit iOS ab Version 8.1. Dafür bietet eine App wie der Improvisation Trainer eine immense Vielfalt und Freiheit bei der Gestaltung der gewünschten Playbacks hinsichtlich Tonart, Tempo, Stil, Mix etc., die man in vorgefertigten Playbacks unmöglich vorfinden könnte.
Um diesen Prinzip-bedingten Vorteil voll ausspielen zu können, ohne dass daraus resultierende Nachteile allzu sehr stören, bedarf es dann aber auch eines so ausgezeichnet durchdachten Konzepts, wie wir es im Improvisation Trainer umgesetzt vorfinden. Hier spürt man kaum etwas von den Nachteilen, die solch umfangreiche Anforderungen an die Gestaltungsmöglichkeiten auch mit sich bringen. Man denke nur z. B. an die Voicings der Begleitakkorde, die in jeder Tonart und bei jedem Wechsel zu einem anderen Akkord in einer einigermaßen gut klingenden Lage (ggf. in einer Umkehrung) erklingen müssen. Gleiches gilt für die Basslinien. Aber nicht nur in diesen Punkten berücksichtigt der Improvisation Trainer alle möglichen Spielvarianten auf beeindruckende Weise, sondern auch die Struktur der App und die darin enthaltenen Features lassen erkennen, dass es sich bei den Autoren um Profis handelt, die wissen, wie man sich musikalische Fähigkeiten effizient und systematisch erarbeitet. Man muss kein Programmierer sein, um sich den enormen Arbeitsaufwand in der Erarbeitung des Konzepts und bei dessen programmiertechnischer Umsetzung vorstellen zu können.

At a glance

Die App splittet sich in drei Varianten, die sowohl einzeln als auch im Paket erhältlich sind. Dabei scheint es am sinnvollsten, gleich alle drei Varianten im Paket zu erwerben, denn früher oder später würde man die sowieso alle drei haben wollen. Alle drei Varianten kann man auch separat als kostenlose Test-Version (mit funktionalen Einschränkungen) herunterladen. Damit könnte man dann die Vielzahl der Variationsmöglichkeiten erforschen, die hier alle nicht erwähnt werden können.

Gemeinsames

In allen drei App-Varianten kann man bei den Play-alongs zwischen 19 verschiedenen Stilen wählen (angefangen von Blues-Shuffle über Bossa Nova, Country, … Disco, … Hip-Hop, … bis natürlich Swing.
In allen drei App-Varianten hat man auch extrem flexible Auswahlmöglichkeiten bezüglich der verwendeten Akkorde, die sich je nach Variante etwas unterscheiden – siehe auch im nächsten Abschnitt. Weiterhin kann man das Tempo zwischen 40 und 279 bpm variieren, zwischen den Taktarten 3/4, 4/4, 5/4, 7/8 (bzw. 7/4) und 9/8 (bzw. 9/4) wählen und als Akkord-Begleitinstrument Piano, E-Piano oder Orgel-Pad aussuchen. Selbstverständlich kann man jedes der drei Begleitinstrumente (Drums, Bass, Keyboard) stufenlos ein- oder ausblenden. Für die Anzeige der aktuell und zukünftig erklingenden Akkorde auf dem Display stehen 5 Möglichkeiten zur Auswahl und man kann wählen, ob die Akkorde für C-, Bb- oder Eb-Instrumente angezeigt werden sollen. Ferner kann man noch entscheiden, ob bzw. wie oft eine Akkordfolge wiederholt werden soll, ob bzw. wie dabei irgendwann die Tonart gewechselt werden soll und, und, und, …

Individuelles

Zufällige Chords Player 
Entsprechend wählbarer Muster wie „chromatisch“, „diatonisch“ (jeweils aufwärts oder abwärts, „modal“ und „eigene“ kann man hier die Grundtöne der Akkorde aus einem bestimmten Pool zufällig wechseln lassen. Für den Akkord-Pool gibt es Presets für die Komplexität der Akkord-Varianten – von einfachen Dur- oder Moll-Akkorden über „Traditional Jazz“ mit z. B. maj7(9)-, m7-, m6(9)- und ähnlichen für den Jazz typischen Akkorden bis hin zu „Master of Disaster“, dem Preset mit einer Unzahl von komplex erweiterten Akkorden. Dann hat man noch die Wahl zwischen 13 Presets, mit denen man einen Abspiel-Modus wählen kann (z. B. „Let’s improvise!“, „3-Takt Fusion Song“, „Neverending Suspension“, „Modernest Jazz Waltz“ etc.). Und auch hier kann man in den Wiederholungseinstellungen über die Zykelllänge (von 1 bis 16 Takten) entscheiden und darüber, ob oder wie nach einer zu bestimmenden Anzahl von Zykeln neue Akkorde erklingen sollen oder ob bzw. wie das Ganze transponiert werden soll.

Akkordfolgen Player
Hier gibt es 11 Presets mit typischen Akkordfolge-Bausteinen wie z. B. II-V-I-Verbindungen in Dur oder Moll, fallende Quintverbindungen etc., wobei auch wieder ein Akkord-Pool zur Verfügung steht, in dem man die Komplexität der Akkorde je nach Akkordtyp (Dur, Dur7, Dur6, Moll, Moll-maj7, Moll6, übermäßig, vermindert und sus) bestimmen kann. Dann kann man die Anzahl der Takte zwischen 1 und 8 bestimmen, über die ein Akkord beibehalten werden soll, kann je nach Preset eine bestimmte Tonart oder den Wechsel durch alle Tonarten und in diesem Falle die Anfangstonart wählen und bestimmen, ob die Akkorde generell mit b, #- oder mit zufälligem Wechsel zwischen den Vorzeichen angezeigt werden sollen.

Eigene Chords Player
Auch hier gibt es wieder Presets: 12 vordefinierte Akkordfolgen und eines mit dem Namen „neu“, in dem erstmal kein Akkord vorgegeben ist. Die vordefinierten Akkordfolgen enthalten z. B. einen 12-taktigen Blues oder Akkordfolgen von bekannten Jazz Standards wie z. B. „Autumn Leaves“ oder „Girl von Ipanema“, wobei man die Akkordfolgen frei verändern oder erweitern kann.
Spannend in diesem Modul – wie in allen drei Modulen – ist wieder z. B. die Möglichkeit, einen Stil und die Taktart frei zu wählen, sodass man z. B. über „Autumn Leaves“ bei Bedarf auch als Reggae im 7/4-Takt improvisieren kann.

Grenzenlos?

Auf der schwierigen Suche nach einer Grenze in den Möglichkeiten bin ich im Eigene Chords Player beim Preset „Chromatic Giant Steps“ fündig geworden. Es enthält erstmal nur die ersten 5 Akkorde dieser Komposition, die man 1- bzw. 2-taktig – also in einem insgesamt 6-taktigen Loop – wechseln lassen kann, wobei man den wiederum wahlweise nach 1 bis 8 Durchgängen in eine andere Tonart transponieren lassen kann – übrigens wie bei allen Presets in frei wählbaren Schritten – in Intervallen zwischen kleiner Sekunde und großer Septime.
Wenn man die vollständige Akkordfolge der John-Coltrane-Komposition Giant Steps haben möchte, kann man das Preset natürlich dementsprechend ergänzen. Allerdings wechseln die Akkorde im Original überwiegend halbtaktig, was man hier in der aktuellen Version noch nicht einstellen kann – hier also meine „Fundstelle“. Wie mir von den Autoren erklärt wurde, ist dieses Feature programmiertechnisch schwer zu realisieren, steht aber ganz oben auf der To-do-Liste für ein zukünftiges Update.
Es fragt sich dann aber auch, ob eine derart anspruchsvolle Harmoniefolge wie in Giant Steps mit ihren  halbtaktigen Akkordwechseln in einem Improvisation Trainer für alle Lernstufen von Improvisations-Einsteiger bis Profi wirklich benötigt wird. Wer jemals versucht hat, über Giant Steps zu improvisieren, wird dabei erkannt haben, dass Giant Steps weniger ein Stück zum Improvisieren ist, sondern eher so etwas wie eine Studie zum Erarbeiten (und Üben) elegant wechselnder Arpeggios, die sich über eine ungewöhnliche und schnelle Akkordfolge zu einer möglichst organischen Melodik zusammenfügen lassen und damit die funktionsharmonische „Logik“ der Komposition unterstreichen. Wer sich an diese Aufgabe herantasten möchte, kann das auch sehr gut über das im Improvisation Trainer enthaltene Preset mit den Akkorden der ersten 3 Takte und bei Bedarf durch alle Tonarten.

Let’s improvise!

Noch einmal: Hier alle Features der App zu beschreiben, ist nicht möglich. Eine ausführliche Gebrauchsanleitung (über die Hilfe-Texte innerhalb der App hinaus) gibt es bisher auch nicht, wobei allerdings ein begleitendes Lehrmaterial als Druckerzeugnis bereits in Arbeit ist. Aber die Struktur der App ist auch selbst-erklärend und die Features sind leicht erforschbar. Wenn man am Anfang vielleicht nur über vordefinierte Blues-Schemata oder einfache Akkordwechsel improvisieren möchte, benötigt man dafür sowieso keine Anleitung. Mit zunehmenden Fähigkeiten wird man dann auch gerne mal die Herausforderung zufällig wechselnder Akkorde annehmen wollen, oder über selber zusammengestellte Akkordfolgen üben. Aber mit jedem wachsenden Anspruch wird man sich die dafür benötigten Features leicht erschließen, sofern man sie nicht schon gleich am Anfang entdeckt hat. Mit anderen Worten: Ein wenig Entdeckergeist vorausgesetzt, lernt man den vollständigen Umgang mit der App „by doing“ auch ohne zusätzliche Anleitung.

Fazit

Der Improvisation Trainer lässt hinsichtlich Auswahl- und Gestaltungsmöglichkeiten keine Wünsche offen. Die App bietet von einfachsten Dreiklang-Wechseln bis zu komplexen Progressionen des Jazz Play-alongs für alle Lernstufen und Instrumente. Ein hinsichtlich Umfang und Flexibilität vergleichbares Tool ist mir bisher nicht begegnet. Es liegt schon in der Natur des Mediums, dass selbst die unzähligen auf YouTube zugänglichen Play-alongs alle denkbaren Wünsche hinsichtlich Akkordverbindungen, Stil-Auswahl, Tempi etc. nicht so flächendeckend bedienen können, wie diese App, die bei ihrer ganzen Komplexität bemerkenswert übersichtlich und auch für Anfänger gut verständlich strukturiert ist. Die einzige kleine Einschränkung, die ich finden konnte, handelt von halbtaktigen Akkordwechseln, die in der aktuellen Version (noch) nicht wählbar sind. Wer meint, sich mit ganztaktigen Akkordwechseln nicht ausreichend schwierige Übungen gestalten zu können, sollte dann zumindest über die Stil- und Tempo-Wahl erstmal leicht eine im Schwierigkeitsgrad vergleichbare Ersatzlösung finden.

Die drei Varianten (Module) im Bundle zu erwerben, ist nicht nur wegen des günstigeren Paketpreises zu empfehlen. Sie ergänzen sich komplementär so, dass man früher oder später die spezifischen Möglichkeiten aller drei Varianten parallel oder im stetigen Wechsel nutzen wird, wodurch sich dann ihr Nutzen als Allround-Begleiter in allen Phasen einer Musiker-Laufbahn voll entfaltet. Auch für Kinder mit instrumentaler Ausbildung könnte die App eine wichtige spielerische Komponente für die Motivation zum Üben beisteuern, sofern sich ein iPad im Haushalt befindet. Die 5,49 € für die Paket-Vollversion würden sich auch in diesem Fall schnell amortisiert haben. Und wer nicht die Katze im Sack kaufen möchte, findet seine Entscheidungshilfe in den kostenlosen Test-Versionen.

 

© 2017 by Paul Th. Monk

 

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