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DIE RECHTE HAND (3) – Skalen, Licks & Übungen (Heft 12/'95)

Die am häufigsten vertretene Rhythmik im tra­ditionellen Blues basiert auf der Dreiteilung der Beats, die sich zuweilen in Form des 12/8- Takts, häufiger aber im Achtel-Triolen-Mikrotiming des Boogie, Shuffle oder Swing nie­derschlägt. In dieser ternären Rhythmik ist kaum Platz für Sechzehntel, wodurch sich die bisher gezeigten Beispiele für Licks und Drills auf Sechzehntel-Basis eher für Rhythm-&-Blues-, Rock-, Funk- oder Fusion-Improvisatio­nen als für den „reinen“ Blues eignen. Um beim Improvisationstraining in Form von Skalen, Sequenzen und Licks auch in rhythmischer Hinsicht möglichst vielen und vor allem den wichtigsten Anforderungen Rechnung zu tra­gen, bedarf es also einer großen Reihe von Übungen mit ternärer Rhythmik.
Beim Konzipieren solcher Übungen bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten, deren Wahl sich in erster Linie nach der Zielstellung rich­tet:

  1. Um eine rhythmisch alternative Variante der Skalen- bzw. Sequenz-Drills zu haben, die vor allem im vorigen Workshop („Die rechte Hand 2“) angedeutet waren, kann man durchaus fortlaufende Triolen verwenden. Der Effekt be­steht dann darin, dass statt 4er-Gruppen (Sech­zehntel) eben 3er-Gruppen gespielt werden, wodurch sich die Verteilung der Akzente und das rhythmische Bewusstsein automatisch än­dern. Im Zusammenhang mit der linken Hand wird dadurch die motorische Sicherheit auch durch die Erweiterung der Hör- und Spieler­fahrung noch vertieft.
  1. Für das Training von Licks, die in ihrer Mu­sikalität der Improvisations-Praxis wesentlich näher sein sollen als die gerade beschriebenen Drills, sind fortlaufende Triolen-Ketten nur bedingt geeignet. Unabhängig vom Tempo des Songs klingen überwiegend (mit der rechten Hand) ausgespielte Triolen in einem Solo oft akademisch und penetrant. Falls Tempo und Intensität des Grooves es erfordern, wirkt demgegenüber das komplementäre Verteilen der rhythmischen Werte der Triole auf beide Hän­de deutlich interessanter und spannungsvol­ler.

Aber hier lässt sich keine pauschal gültige Aussage treffen, und das Sich-Abwechseln ver­schiedener Muster auch innerhalb eines ent­sprechenden Übungs-Pattern bringt in dieser Hinsicht am meisten Flexibilität für den spon­tanen Einsatz unterschiedlicher Mittel. Allerdings ergibt sich daraus wiederum eine unüberschaubare Vielfalt an möglichen Kom­binationen, durch die es an dieser Stelle kaum sinnvoll ist, ein bestimmtes allgemeingültiges System entwickeln zu wollen. Stattdessen sol­len ein paar Beispiele die gerade beschriebenen Aspekte illustrieren und damit Orientierungen für die Entwicklung eigener, individuell an­gepasster Trainingsprogramme beisteuern.

Übrigens: Selbst wenn die Übungen zunächst für die rechte Hand konzipiert sind, sollte die Bedeutung für die linke Hand hinsichtlich de­ren Unabhängigkeit und Sicherheit nicht un­terschätzt werden. Ich würde sogar meinen, dass bei Pattern mit Betonung auf komple­mentärer Wirkungsweise beider Hände die lin­ke Hand mindestens gleichberechtigt trainiert wird. Das heißt also auch, dass in die Überle­gungen zum Variieren der Drills die linke Hand mit einbezogen werden sollte, wenn man nicht ganz bestimmte Begleitgrooves ungleich inten­siver trainieren möchte als andere. Die Tatsache, dass ich für die hier gezeigten Notenbeispiele immer den gleichen Boogie-Groove (Tonart: G, Tempo: etwa 120 bps) verwendet habe, un­terstreicht eigentlich nur noch einmal die Viel­falt der insgesamt möglichen Kombinationen.

Zu den Notenbeispielen

Notenbeispiel 1 schließt geradezu an das Bei­spiel 12 aus dem letzten Workshop an, stellt quasi eine Triolen-Variante dessen dar. Hier werden in der Aufwärtsbewegung die ersten 4 bzw. 5 Töne aus erweiterten Moll-Pentatonik- Skalen so aneinandergereiht, dass über deren Grundtöne g, d, a bis zum e letztlich das Ganze in der erweiterten G-Dur-Pentatonik (2. Takt) landet. Der zweite Teil ist eine Fin­gersatz-Studie, die z. B. bei extrem schnellen Orgel-Passagen nützlich sein kann.

 

Der haupt­sächliche Zweck der Übung ist das Vertiefen des Überblicks über die Auswahl der erweiterten Pentatonik-Licks, die in einer bestimmten Tonart in Frage kommen.

Im Notenbeispiel 2 werden genau diese Fragmente wieder verwendet, lediglich in anderer Reihenfolge und in einem anderen Bewegungsablauf.

Notenbeispiel 3 besteht aus einem allgegenwärtigen Lick, in jedem Takt leicht rhythmisch variiert. Derartige Drills trainieren das rhythmische Be­wusstsein und das souveräne Zusam­menwirken beider Hände.

Notenbeispiel 4 beruht auf dem gleichen Lick, besteht aber wiederum aus fortlaufenden Triolen, bei denen sich innerhalb der zwei Takte die Sequenz zweimal um je ein Triolen-Achtel verschiebt. Auch hier profitiert die linke Hand in ihrer Unabhängigkeit, während die rechte Hand alle nur denkbaren Akzente innerhalb eines kurzen Licks ausführen muss.

Die Notenbeispiele 5 und 6 vereinen in je ei­nem Pattern das rhythmisch unterschiedliche Umsetzen bestimmter Tonfolgen – einmal als ternär gespielte Achtel-Gruppe und (im zwei­ten Teil) als Triolen.

Notenbeispiel 5 ist dabei als Lick konzipiert, wie es in tausenden Variatio­nen in einer Improvisation enthalten sein kann.

Bei Notenbeispiel 6 handelt es sich um einen speziellen Fall von SIDE SLIPPING-Technik, die ich hier bewusst nicht mit diesem Begriff versehen habe. Im Unterschied zu den „dirty notes", die durch Abrutschen von einer schwar­zen Taste entstehen und die in der Regel rhyth­misch nicht genauer definiert werden kön­nen und sollen (s. Notenbeispiel 8), handelt es sich im Beispiel 6 um einen speziellen Fin­gersatz bei der Umsetzung eindeutiger rhyth­mischer Abläufe. Mit anderen Worten: Hier wird das rhythmisch kontrollierte SIDE SL1PPING trainiert.

Notenbeispiel 7 kann man als eine Variante von Notenbeispiel 4 betrachten, wobei hier der Schwerpunkt auch auf einer Steigerung der Ge­schwindigkeit liegen kann. In Verbindung mit einer binären Variante dessen lassen sich damit diverse Spielarten eines häufig im Rhythm & Blues und Rock 'n' Roll anzutreffenden High- Speed-Fills trainieren.

Notenbeispiel 8 wiederum deutet eine von vielen Möglichkeiten an, rhythmisch kom­plementär zur linken Hand Akkorde zu spie­len und damit auch im Begleiten hinsichtlich Dynamik und Intensität große Reserven be­reitzustellen. Hier gibt es einen großen Spiel­raum im Einbeziehen von den oben bereits er­wähnten „dirty notes", der ja u. a. auch durch die Tonart mitbestimmt wird. Noch deutli­cher Blues-spezifische, gleichzeitig aber auch spieltechnisch genauer zu untersuchende Stil­mittel sind die ROLLS, denen ich mich dann im nächsten Workshop angemessen ausführ­lich zuwenden möchte. ●

 

 

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