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DIE RECHTE HAND (1) – Skalen, Licks & Übungen (Heft 10/'95)

Spätestens im Zusammenhang mit der Frage, ob man improvisieren auch gezielt üben kann, wird der praktische Nutzen analytischer Be­trachtungen wie der in Ausgabe 8/95 greifba­rer. Das bewusste Üben hat ja (im Unterschied zum spielerischen Musizieren) vor allem zum Ziel, effektive und in komprimierter Form spiel­technische (motorische) Fundamente zu legen und Routine(n) zu erlangen bzw. zu festigen. Je effektiver das Üben sein soll, desto höher sind die Ansprüche an die Systematik. Der eher geringe Unterhaltungswert solcher Art Tätig­keit lässt sich nur ertragen, wenn das Ziel klar und der Weg dahin erkennbar ist.

Im Zusammenhang mit Improvisation benö­tigt man, abgesehen von Musikalität und mög­lichst viel Spielerfahrungen, ein großes Arse­nal an „automatisierten“ Bewegungsabläufen, die auf Abruf anwendbar sind und durch ihre möglichst große Auswahl ein hohes Maß an Flexibilität mit sich bringen. Anders gesagt: Jede Idee sollte möglichst sofort umsetzbar sein, indem die Bausteine dafür spontan verfügbar sind.
Bei dieser Art des Herangehens sollte aller­dings folgendes klar sein: Auf halber Strecke zu diesem Ziel ist die Gefahr sehr groß, dass gespielt wird, was man am besten (technisch) beherrscht, ohne dabei die nötige Rücksicht auf den musikalischen Kontext zu nehmen. Das Nacheinander-Abspielen einiger draufge­drückter Licks oder Läufe ist aber noch keine Improvisation und schon gar nicht Musik.

Die Grundbausteine

Wenn wir mal ganz bewusst von der Mög­lichkeit der Einbeziehung alterierter Harmonik/Melodik des moderneren Jazz absehen, bleiben im Wesentlichen drei gestalterische Grundelemente übrig, aus denen Blues-Im­provisationen bestehen:

  1. Skalen (im Sinne von Melodiebögen, die aus Tonfolgen einer mehr oder weniger er­weiterten Pentatonik bestehen);
  2. Melodie-Elemente, die durch das Um­spielen von Zieltönen (TARGET TONES) ge­bildet werden - ein Improvisations-Prinzip des traditionellen Jazz (Erläuterung weiter unten);
  3. Licks, die – ähnlich den akkordischen Begleitmustern – aus Mehrklängen (meist Zwei­klänge) bestehen und fast immer in Kom­bination mit Melodiefragmenten verwendet werden.

Skalen

Pentatonik und erweiterte Pentatonik sind die wichtigsten melodiebildenden Skalen.
Die Notenbeispiele 1 und 2 zeigen die zwei grund­legenden Varianten auf dem Grundton c mit dazugehörigen Fingersätzen. Bei der (erwei­terten) Dur-Pentatonik ist zu berücksichtigen, dass die große Terz (hier e') bei der Subdomi­nante nicht erklingen sollte, da deren Septi­me (das es' in F7) damit auf unangenehme Weise kollidiert.

 

Notenbeispiel 3 zeigt eine Abwandlung der er­weiterten C-Dur-Pentatonik. Durch den Zwi­schenton as', den man auch als Blue Note auf dem Grundton f' (bei F7) verstehen kann, wird dem bluestypischen ständigen Wechseln zwischen Tonika und Subdominante Rech­nung getragen.

Wenn man die Skala im Noten­beispiel 3 mit der im Notenbeispiel 4, einer Erweiterung der erweiterten C-Moll-Pentatonik, vergleicht, wird klar, dass es die gleiche Tonfolge ist, nur in einer anderen Tonart. So leitet sich daraus auch gleichzeitig eine Variation der erweiterten Moll-Pentatonik ab. Die Akkordsymbole, die jeweils unter dem System stehen, sollen andeuten, in welchem Kontext die gleiche Tonfolge in einer anderen Tonart zu den dazugehörigen Akkorden stehen kann. So gesehen übt man jede dieser Skalen immer gleich für zwei Tonarten.

Target Tones

Beim Umspielen von Zieltönen (TARGET TONES) handelt es sich um ein Annähern an Töne, die in der zugrundeliegenden Tonart eine „Hauptrolle“ spielen. In der Praxis sind das meist die Töne des Dreiklangs. Das Prin­zip besteht darin, dass auf den Zielton von un­ten chromatisch (Halbton) und von oben durch den nächst höheren Ton der diatonischen Ton­leiter „hingearbeitet" wird. Notenbeispiel 5 zeigt eine einfache Form dessen, und im No­tenbeispiel 6 vollzieht sich die Annäherung an die Zieltöne bei der Abwärtsbewegung über Zwischenstufen.

 

Die Fingersätze solcher Skalen variieren natür­lich mit der jeweiligen Tonart. Wer in diesem Zusammenhang eine Hilfestellung benötigt, findet im Piano-Buch BASICS, er­schienen beim AMA-Verlag, ab Seite 120 unter anderem die hier gezeigten Skalen mit Fingersätzen in sämtli­chen Tonarten.

Licks

Mehrstimmige Licks lassen sich auf­grund ihrer Vielfalt nicht so ohne weiteres systematisieren. Notenbei­spiel 7 veranschaulicht als ein Bei­spiel das typische Erscheinungsbild solcher Spielweise.

 

Drills

Die Notenbeispiele 812 zeigen nun Beispie­le für Pattern, in denen die drei genannten Spieltechniken vorkommen und miteinander praxisorientiert kombiniert werden.
Die No­tenbeispiele 8 und 9 beinhalten dabei nur die erweiterte Dur-Pentatonik (mit der oben be­schriebenen Abwandlung) und die erweiterte Moll-Pentatonik.

In den Notenbeispielen 10 und 11 werden diese mit der mehrstimmigen Spielweise kombiniert, und im Notenbeispiel 12 wird dann auch das Umspielen der TAR­GET TONES mit einbezogen.

Diese 5 Pattern sollen zeigen, wie man aus den drei grundlegenden Improvisationsmustern Übungen gestalten kann, die kein stures Hin­auf- und Herunterspielen von Tonleitern sind, letztlich aber einen ähnlichen Zweck erfüllen. Dass in unseren Beispielen bestimmte Tonfol­gen immer wieder auftauchen, ist keine Fan­tasielosigkeit, sondern soll die Vielzahl der Kombinationsmöglichkeiten andeuten. Gleich­zeitig wird damit klar, dass es sich hier nur um einen winzigen Ausschnitt der Möglichkeiten handelt und dass beim Konzipieren derartiger Übungen noch eine Vielzahl weiterer Gege­benheiten berücksichtigt werden müssen:

  • Die Anfangstöne sollten möglichst verschieden sein,
  • Tempo und Rhythmik sollten variieren,
  • die Begleitung in der linken Hand muss nicht immer (wie hier) nur einen klanglichen Be­zugspunkt liefern, sondern sollte auch von unterschiedlichen Spielpraktiken ausgehen usw.

Der Fantasie sind da keine Grenzen ge­setzt, und die Patterns in diesem und in den folgenden Workshops können dazu nur als Anregungen dienen. ●

 

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